Valparaiso Aussicht

„Du bist ein Regenbogen vielfältiger Farben, Valparaiso, du großer Hafen“

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Chile

Die Verse widmete Pablo Neruda seiner Heimatstadt Valparaiso. Ich kann seine Begeisterung gut nachvollziehen, auch wenn die Stadt alles andere als klassisch schön ist. Eine Bar reiht sich an die nächste, die Hauswände sind zu getagged und es riecht leicht nach Urin. Alles hier erinnert an den Hamburger Berg (Seitenstraße der Hamburger Reeperbahn), nur das es hier tatsächlich Berge gibt. Vielleicht liegen die Parallelen in der ähnlichen Entstehungsgeschichte begründet. Valparaiso ist, wie St. Pauli, in den Jahrhunderten um den Hafen gewachsen, der einst offiziell zu Santiago gehörte. Es ist berühmt für seine Künstlerszene, die Graffiti an den bunten, in den Hang gebauten Häusern und die verschlungenen Straßen und Treppen.

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Valparaiso

Viele Mythen und Geschichten ranken sich um das besonderer Stadtbild. Am besten gefällt mir eine, die eine ganz eigene Erklärung für die bunten Hausfassaden liefert, und zwar wird behauptet, dass die viel trinkenden Seeleute ihr Heim eine knallige Farbe verpasst haben, um den Heimweg selbst stark alkoholisiert noch finden zu können – schwer nach dem Motte: ich muss zu Gelb. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Trend aus Geldmangel entstanden ist. Man nutze für die Häuser, was am Hafen beim Streichen der Schiffe übriggeblieben ist. Heute ist Valpariso ein fröhlicher Ort, der selbst bei schlechtem Wetter noch erstrahlt. Neben der bunten Farbe, prägen die Graffitis die Wände. Auch wenn Sprayen hier, wie überall sonst auch, offiziell verboten ist, entscheiden sich viele Besitzer lieber für ein Kunstwerk an der Wand, um nicht alle paar Monate neu streichen zu müssen. Es ist ein überraschend harmonisches Bild über die Jahre entstanden und selbst die modernen Büroklötze tun dem kein Abbruch. Das Unperfekte, Chaotische kreiert den besonderen Charme der Stadt.

 

Was für ein Rutsch

Wir sind zu Neujahr in der Stadt gelandet – wie gefühlt halb Santiago und die gesamte Traveler-Gemeinschaft Chiles. Valparaiso ist berühmt für seine Parties und das Feuerwerk zu Silvester. Es soll das zweitgrößte nach Rio sein – was bedingt ist durch die Bucht mit den drei dicht an dicht liegenden Städte, die jeweils ihr eigenes Spektakel veranstalten. Es heißt, um Neujahr strömen ca. drei Millionen Besucher allein nach Valparaiso. Wer am 31.12. noch ein Schlafplatz sucht hat verloren.

Feuerwerk

Unser Hostel ist ausgebucht. Es 18 Uhr und es versammeln sich langsam alle Bewohner im Gemeinschaftsraum. Man sitzt auf den Sofas, Hockern oder Boden. Alle möglichen Sprachen fliegen durch den Raum. Wir sind irgendwas zwischen 20 und 30 Leute und kommen aus Argentinien und Brasilien, USA, Australien und Großbritannien, Spanien, Türkei und Deutschland. Wenn man den Namen vergessen hat, wird meist auf das Herkunftsland zurückgegriffen. Warum auch immer kann man sich das besser merken als die vielen Namen, die einem stets an den Kopf geschmissen werden. Es wird gelacht, geschrien. Es ist laut. Wir sind in Südamerika. Plötzlich herrscht Aufbruchstimmung. Es ist 21.30 Uhr und Zeit sich einen guten Platz für das Feuerwerk zu sichern. Frankreich geht voran und der Rest folgt im Gänsemarsch. Es geht bergauf, bergab und wieder bergauf. Fürs Feuerwerk sucht die halbe Stadt einen guten Platz oben in den Hügeln. Nach unzähligen Hausecken und Treppen stehen wir auf eine der vielen Aussichtsplattformen Valparaisos. Hier wurde uns von unserem Tourguide am Tag zuvor noch erklärte, dass man bereits morgens, spätestens zur Mittagszeit hier herkommen muss, um sich auf den Aussichtsplattformen einen Platz zu sichern – anscheinend hat er ein wenig übertrieben. Es geht steil auf Mitternacht zu. Die Menge kommt in Bewegung. Ein paar – meiner Meinung nach – Todesmutige setzen sich auf ein hölzernes Blumengestell und lassen ihre Beine über den Köpfen baumeln. Man bringt sich in Position. Es ist einer der Events bei denen ich gerne ein zwei-Meter Mann – zum einen würde sich dann die gesamte Toilettensituation angenehmer gestalten und zum anderen würde ich was sehen. Ich stehe hier und verschwinde zwischen den Menschen. Das Feuerwerk beginnt. Der Argentinier neben mir hat bei meinem auf und nieder hüpfen Mitleid. Er erbarmt sich meiner und nimmt mich auf seine Schultern. Es ist gigantisch. Also das Feuerwerk. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es vorbei und wir folgen wieder Frankreich. Es geht die Treppen wieder runter immer der Musik nach. Wir stehen auf dem Hauptplatz. Es ist Neujahr und mir ist kein bisschen kalt. Es wird getanzt, gesungen, gelacht. Irgendwann ist es spät oder früh. Wir haben uns verirrt. Kein Frankreich oder irgendjemand sonst, den wir kennen, ist mehr zu sehen. Wir suchen einen Club mit „T“. Da sind die anderen, aber niemand in den Straßen kann uns helfen. Zeit heimzugehen. Wir haben 2016. Ich bin in Südamerika. Während ich im Bett liege und wo ich auch für den Ersten Januar bleibe, feiert die Stadt immer weiter. Erst am Montag den Vierten kehrt ein wenig Ruhe in die Stadt ein. Valparaiso – ich bin beeindruckt.

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