Die Südküste von Lombock

In Ruhe und Gelassenheit auf der Insel Lombok

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Indonesien

Sonntag der 29. Juli, sechs Uhr morgens. Das Schwanken des Hochbetts weckt mich. Erst dachte ich die Person unter mir würde das Bambus-Gerüst in Schwingungen versetzten. Dem war nicht so. Nein, die Erde bebt. Doch was soll man jetzt tun: Die Hütte verlassen? In die Berge rennen? Und würde sich irgendwer in dem Dorf die Mühe machen im Ernstfall fünf Backpackern zu warnen? Ich habe keine Erfahrung mit Erdbeben. Ich beschließe, dass es eigentlich egal ist wo ich mich befinde, denn das Erdbeben ist so allgegenwärtig. Also bleibe ich liegen. Das Internet meldet das Epizentrum lag in Norden von der Insel Lombok beim Vulkan. 20 Menschen sind verstorben. Mein nächstes Stopp ist ebenfalls auf Lombok, allerding will ich in den Süden an den Strand. Jetzt ist die Frage: Soll ich fahren oder besser nicht? Ein Erbeben sei nur ein Zeichen für den Wechsel der Jahreszeiten. Es gehört zum Leben dazu. Schulterzucken. Das sind die Reaktionen auf mein Nachfragen bei der Bevölkerung. Das Beben war zwar mit der 6,4 verhältnismäßig stark, aber mein Reiseziel war nicht betroffen. An der Ostküste von Bali habe ich das Beben und Aftershocks wahrscheinlich deutlicher gespürt als in die Menschen in Kuta, Lombok. Ich habe mich entschieden: ich fliege!

Ein paar Straßenverkäufer und Touristen beleben den Strand in Kuta Lombok

Ein paar Straßenverkäufer und Touristen beleben den Strand in Kuta Lombok

Der Süden der Insel entspricht eher meiner unbedarfen Vorstellung von Bali. Menschenleer. In jeder Bucht versteckt sich ein endlos langer Strand mit weißen Sand. Selbst in der Touristen-Hochburg Kuta räkeln sich nur eine Handvoll Touristen in der Sonne. Mir wird versichert: „Lombok is always quite!“ Ich sitze im Schatten einer Palme am Strand und es dauert nicht lange bis sich eine Verkäuferin zu mir gesellt. Auf ihrem Kopf balanciert sie Tücher. Drei für 100.000 IDR. Ich lehne dankend ab. Der Schlüssel ist höfflich aber bestimmt zu bleiben. Bewundere die Auslange, aber zeige kein bestimmtes Interesse an einem Stück – ansonsten hast du verloren. Stattdessen einigt man sich auf ein unbestimmtes „Vielleicht morgen“. Sei geduldig! Auch Strandverkäufer sind Menschen und machen nur ihren Job – so nervig es ist. Auf Lombok sind hauptsächlich Frauen am Strand unterwegs. Oft fließt das Verkaufsgespräch organisch in eine Konversation über, denn im Schatten ist Zeit für eine Verschnaufpause. Eine Straßenverkäuferin erzählt mir, dass sie English hier am Strand gelernt hat. Zur Schule ist sie nie gegangen, daher verkauft sie jetzt ihre Webprodukte an Touristen. „Lombok is quiet – bad for business!“ Wir reden über unsere Familien. Sie ist verheiratet mit zwei Kindern und ich Alleinreisende. “Yes I’m alone“ Beeindruckendes Nicken. Sie fragt mich, wie das Wetter in Deutschland sei. Ich erzähle ihr von der anhaltenden Hitzewelle. Dass es in meiner Heimat aktuell wärmer ist als auf Lombok, kann sie kaum glauben. „But you‘re so white!“ Ja, finde ich auch unpraktisch. Sie wirft ein, sie sei gern weißer. „Tourists want to be brown – like me“ Sie lacht verschmitzt und meint wir sollten einfach Haut tauschen. Wieder lacht sie. Noch einmal zeigt sie auf ihre Verkaufsware, um sich zu versichern, dass ich wirklich nichts kaufen möchte. Als ich verneine marschiert sie weiter.

Die Südküste der Insel Lombok besticht mit weißen Sand, raue Klippen und das blaue Meer

Die Südküste der Insel Lombok besticht mit ihren weißen Stränden, den rauen Klippen und dem türkisen Meer.

Nur einen Ausflug unternehme ich in fünf Tagen auf Lombok. Ich habe beschlossen in die nächste Bucht zu spazieren. Vor mir liegen 5km Weg. Gut zu schaffen. Erst geht es entlang einer hoch entwickelten – aber leeren – Straße, die der Navigations-App noch unbekannt ist. Bürgersteige existieren nicht, daher laufe ich auf der Fahrbahn. Ich vermute, dass der Ferienort Kuta sich auf Touristenmassen vorbereiten, denn anders kann ich mir den Bau von mehrspurigen Verkehrsstraßen nicht erklären. Aktuell brettert nur alle paar Minuten ein Roller an mir vorbei. „Taxi, Miss?“ – Ich lehne dankend ab. Beim Kreisel lasse ich das neue Verkehrsnetz hinter mir und laufe quer Feld ein. Immer Richtung Süd-Osten. Es geht vorbei an Wöhnhäusern und Reisfeldern. Kühe stehen im Schatten der Bäume, Frauen plauschen an der Ecke und Mais liegt zum Trocknen am Boden aus. Ein Kind starrt mich an. Bin ich noch richtig? Mein Handy sagt ja! Die App weiß zwar noch nicht von der Schnellstraße, aber dafür kennt sie jeden Feldweg auf Lombok. Umso näher ich meinem Ziel komme desto desolater ist der Zustand der Straße. Asphaltdellen und Schlaglöcher zersetzen zunehmend den Bodenbelag. „Where are you going?“ Hügel rauf. Hügel runter. Mittlerweile folge ich einem Trampelpfad und immer noch überholen mich Roller. Ich wage zu behaupten: Indonesier sind gehfaul. „Want a ride?” Auf die Verneinung folgt ein ungläubiger Blick. Das Konzept Spazieren scheint auf der Insel unbekannt zu sein. Immer wieder wird mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten – und ich bin fast sicher, dass die Hälfte kostenlos gewesen wäre. Allerdings traue ich weder der Straße, noch dem gängigen Fahrstil in Indonesien. Und laufen ist gesund. So oder so der Marsch hat sich gelohnt. Am Ende stehe ich auf einem kahlen Hügel mit Sicht auf die raue Küste Lomboks. Unter mir brechen die Wellen, das Meer erstrahlt in einem tiefen Türkis und weißer Sand wartet am Strand auf mich. Einfach perfekt!

Ich habe die Insel am 4. August wieder verlassen. Einen Tag später hat es wieder gerummst und seither kommt die Erde nicht zur Ruhe. Die Zahl der Toten ist mittlerweile auf über 450 gestiegen. Der Süden der Insel ist wohl weitestgehend unbeschädigt, während im Norden erhebliche Gebäudeschäden aufgetreten sind. Das Hauptbeben am Sonntagabend, 5. August war mit der Magnitude 6,9 gewaltig. Selbst in East Java, zwei Inseln weiter, konnte ich es am Fuße des Vulkans Ijen noch spüren. Ein Gefühl an das ich mich niemals gewöhnen werde.

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